Start In Gedenken an... Hanna Maßmann

Hanna Maßmann (1931 - 2010)

Was am Donnerstagabend im Rahmen der Spielersitzung in der Gaststätte Weinhorst mit einer Gedenkminute der Spieler begann, fand am Freitagmittag in der Friedhofskapelle und anschließend am Grab in Werther seinen Abschluss: der Abschied von Hanna Maßmann. Die Vereinswirtin des SV Häger ist im Alter von 79 Jahren am Dienstag, den 7. September 2010 gestorben. Damit ist endgültig ein Stück Vereinskultur und Vereinsgeschichte zu Ende gegangen. Der Abschied hatte allerdings schon zwei Jahre zuvor begonnen, als Hanna aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfassung die Vereinsgaststätte am Sportplatz nicht mehr weiterführen konnte . . .

Über Jahrzehnte hatte sich das Vereinsleben des kleinen HSV immer in unmittelbarer Nähe des Gastwirte-Ehepaares Wilfried und Hanna Maßmann abgespielt. Der „Bäcker“, wie der kleine Mann mit dem einzigartigen Kugelbauch von allen nur genannt wurde, und Hanna, die gleichermaßen fürsorgende wie resolute Chefin im Hause, haben die Fußballer nicht nur sportlich, sondern in vielen Fällen auch privat begleitet. Unvergessen bleiben sicher nicht nur mir ganz viele Dinge. Dinge, für die man dankbar sein kann. Dinge, über die man schmunzeln und lachen kann. Und Dinge, die einen zum Nachdenken bringen. Wie der Satz des bei der Beerdigung predigenden Pastors: „Sie hat in ihrem Leben nicht ein einziges Mal Urlaub gemacht. Ich hatte bei Gesprächen mit ihr aber nicht das Gefühl, dass sie glaubte, etwas verpasst zu haben.“

Vor allem die jüngeren Fußballer werden es nicht mehr wissen, wie es ist, Freitagabends die Spielersitzung solange auszudehnen, bis der Bäcker die ersten frischen Brötchen für den nächsten Tag auftischte – ofenwarm schmeckten diese noch besser als ohnehin schon. Sie wurden in einem  besonderen Backofen gebacken, der ausschließlich mit Holz befeuert wurde. Sie kennen den Anblick nicht, wenn man mittags die Backstube betrat und der Bäcker platt auf dem harten Holztisch auf dem Rücken liegend seinen Mittagsschlaf hielt – mit den obligatorischen Hosenträgern über dem ebenso unverwechselbaren Unterhemd. Sie kennen nicht die gespielten Streitereien zwischen Langenheidern und Hägeranern darüber, wer die bessere Hanna hat (liebe Grüße an die Massenschmiede). Sie haben nicht Hannas ausdruckslosen Blick gesehen, als Mitte der 90er-Jahre Neu-Trainer Hans Danner bei seiner ersten  Spielersitzung „eine Currywurst mit Pommes“ bestellte – und natürlich wie alle anderen auch nur ein großes Stück Käse mit Senf erhielt. Ja, sie wissen nicht einmal mehr, wie gemütlich es in der Halbzeitpause im Winter in eben dieser Backstube war, die damals ja noch durch den Ofen wohlig warm war. Genauso wie der Halbzeit-Tee, in dem laut Hanna immer nur Tee war, der aber trotzdem irgendwie besonders stimulierte.

Während der Bäcker fast alles mit einem Lächeln anpackte, konnte Hanna auch schimpfen. Wenn sich einer daneben benahm. Wenn die Fußballer nach der Spielersitzung mal wieder kein Ende beim Knobeln fanden („Habt Ihr eigentlich kein Zuhause?“). Wenn Tische und Stühle nicht nach der von ihr streng eingehaltenen Ordnung (die außer ihr übrigens nur Benny verstand) zurückgestellt wurden. Oder Olaf nach einem langen Abend in den Fremdenzimmern eins bis fünf genächtigt hatte - nach den verschiedenen Gängen zur Toilette hatte er unbewusst immer wieder ein neues bezogen. Blieb ein Deckel zu lange unbezahlt, dann wurde man auch schon mal auf dem Weg zum Spiel durch ein energisches Klopfen am Fenster darauf aufmerksam gemacht – Rene hat man in solchen Fällen schneller gesehen, als jemals auf dem Platz . . . Es soll sogar einen italienischen Ballkünstler in unseren Reihen gegeben haben, der mal eine Backpfeife kassierte. Übel genommen hat ihr all das keiner. Weil sie immer da war. Weil sie immer aufmachte, wenn wir einen Platz brauchten, um über Fußball zu reden. Auch noch, als es ihr schon sehr schwer fiel. Selbst, als ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Der schwärzeste Tag, den diese Gaststätte je erlebt hatte . . .

Eine Gaststätte, wie es sie heute kaum noch gibt. Die öffnete, wenn die Männer von der Arbeit kamen, gegen fünf, und wieder schloss, wenn alle nach Hause zu ihren Familien gingen. So gegen sieben (heute nennt man das wohl „Chillen after Work“, ist aber doch 'was anderes). Eine Kneipe, wo die Wirtin jeden beim Namen kannte und wusste, was die Gäste trinken wollten. Wo die Chefin auf keinen Fall nur freundlich war, damit man wieder kommt. Wo es Sonntags nach dem Spiel so etwas wie eine feste Sitzordnung gab (Eckhard, Gustav, Rappen, Hase und Horschtl immer mittig). Und manchmal herrliche Sol-Eier.

Seit ich beim SV Häger Ämter übernommen habe – ob als Trainer oder Abteilungsleiter (das sind immerhin auch schon 15 Jahre) – habe ich nicht einmal Geburtstag gefeiert, ohne dass sie mir per Telefon ein Lied gesungen hätte („Zum Geburtstag viel Glück . . .). Unvergessen auch, wenn sie mich bei einem der vielen sonntäglichen Fußballmarathons (erst die Zweite, dann die Erste) zwischendurch einfach mal fragte: „Junge, hast Du eigentlich schon 'was gegessen? Suppe steht auf dem Herd.“). Damals gab es die feine Hütte mit Jürgen Cordes darin noch nicht. Sie bleibt der einzige Mensch, der kopfschüttelnd und tadelnd zu mir sagen durfte: „Müllerchen, Müllerchen.“

Donnerstag saßen wir (der Vorstand, Jörg Weinhorst und ich) im Wertheraner Rathaus und besprachen mit der Bürgermeisterin, Verwaltungsfachleuten und einem Architekten-Ehepaar die weitere Vorgehensweise in Sachen Kunstrasenplatz. Natürlich kam auch die Sprache auf die gerade Verstorbene. Die ja durch den Verkauf der Immobilie Maßmann und des Geländes an die Stadt eine weitere Entwicklung des Vereins erst möglich gemacht hatte. „Wir haben“, so sagte Bürgermeisterin Marion Weike, „bei den Verhandlungen gespürt, dass Hanna Maßmann diese Lösung gut fand. Sie wollte, dass der SV Häger dort bleibt und sich dort etwas entwickeln kann.“

Dafür, Hanna – und für alles andere: Danke

Jörg Müllerchen-Paulsen
(Leiter der Fußballabteilung)